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Fliegerhorst und Geschwader 33

 

Fliegerhorst Büchel und Taktisches Luftwaffengeschwader 33

Vermutlich der einzig verbliebene Atomwaffenstandort in Deutschland

Der Luftwaffenstützpunkt (Bundeswehr-Fliegerhorst) bei Büchel ist seit 2004 vermutlich der einzige Militärstandort auf deutschem Boden, in dem Atomwaffen stationiert sind. Diese befinden sich im Besitz der USA.

Büchel ist Aktionsschwerpunkt für die Gewaltfreie Aktion Atomwaffen Abschaffen (GAAA) seit ihrer Gründung 1996.

Auf dem Höhepunkt der nuklearen Aufrüstung in der Mitte der 1980er Jahre soll es laut Wikipedia mehr als 130 Depots mit Atomsprengköpfen in der Bundesrepublik gegeben haben. Nachdem 1991 sowjetische Atomwaffen vom Gebiet der ehemaligen DDR abgezogen worden waren, gab es noch fünf Atomwaffen-Standorte in Deutschland. Drei davon befanden sich auf Luftwaffenstützpunkten der Bundeswehr: Neben Büchel waren das Nörvenich und Memmingen. Noch bis 2004 sind in der US-Airbase Ramstein bei Kaiserslautern Atomwaffen gelagert worden, wurden dann aber dort abgezogen. Grundlage für diese Informationen ist eine Studie der „Federation of American Science“ (FAS) von Hans M. Kristensen. Er beruft sich auf Berichte der US-Luftwaffe über Kontrollen an Standorten für nukleare Technik in Europa. Im Bericht vom 29.3.2005 ist neben Büchel auch Ramstein noch erwähnt, im Bericht vom 29.1.2007 nur noch Büchel.

Ein kleiner Ort in der Südeifel

Der kleine Ort Büchel liegt in der Südeifel zwischen Koblenz und Trier, 13 km nördlich der als Tourist_innen-Hochburg bekannten Stadt Cochem an der Mosel. Durch den Ort und direkt am Fliegerhorst vorbei führt die Bundesstraße 259. Diese führt weiter nördlich durch Ulmen, wo es eine Anschlussstelle der Autobahn Koblenz-Trier gibt. Der nächstgelegene Bahnhof befindet sich in Cochem. Von dort gibt es eine Busverbindung (Linie 500) nach Büchel und zum Fliegerhorst.

Das Geschwader

Auf dem Fliegerhorst bei Büchel und in der Fliegerkaserne in Cochem-Brauheck ist das Taktische Luftwaffengeschwader 33 (TLG 33) der Bundeswehr stationiert. Bis zum 30.9.2013 hieß es Jagdbombergeschwader 33 (JaboG 33). Dieses ging aus der Waffenschule 30 im bayrischen Fürstenfeldbruck hervor, dem ersten fliegenden Verband der Bundesluftwaffe. Er wurde 1957 nach Büchel verlegt und trug seit 1958 die Bezeichnung JaboG 33. Zunächst war das Geschwader mit Starfighter-, seit 1985 ist es mit Tornado-Flugzeugen ausgerüstet. Die Tornados sind sowohl für den konventionellen als auch für den nuklearen Einsatz ausgestattet.

Vermutlich 20 Atombomben in „Grüften“

Im Frühjahr 1986 fand im US-Kongress eine Anhörung zu militärischen Baumaßnahmen statt. Dem Protokoll war zu entnehmen, dass die US-Luftwaffe neuartige Lagersysteme für Atombomben, so genannte „Grüfte“, baute, unter anderem auch in deutschen Fliegerhorsten. In Büchel wurden demnach 11 Grüfte eingerichtet. Das Grüfte-System ermöglicht die Lagerung der Bomben in den Flugzeugschutzbauten unmittelbar unter den Maschinen. Vorher wurden die Bomben in einem Atomwaffenlager außerhalb des Fliegerhorsts im Alfer Wald gelagert. Lange Zeit wurde vermutet, dass 10 Atombomben und eine Übungsbombe in Büchel gelagert würden. Inzwischen war jedoch zu erfahren, dass pro Gruft bis zu vier Bomben gelagert werden können. Dass sich 40 Atombomben in Büchel befinden, gilt indes als unwahrscheinlich, vermutlich sind es 20. (Eine „WikiLeaks“-Enthüllung im Jahre 2010 besagte, das Bundeskanzlerinnenamt habe dem US-Botschafter in Berlin erklärt, ein Abzug „der 20“ Atomwaffen in Deutschland mache keinen Sinn.)

Atombomben und Uranwaffen

In Büchel werden Fliegerbomben des Typs B 61 gelagert. Es handelt sich um so genannte taktische Atomwaffen, also nicht um strategische Waffen mit interkontinentaler Reichweite. Eine B 61 kann eine Sprengkraft von unter einer Kilotonne TNT bis zu 175 kt haben. Letzteres entspricht mehr als der 13fachen Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe. Im Sommer 2009 war zu erfahren, dass inzwischen auch Uranwaffen der Typen GBU-24 (lasergesteuerte Präzisionsbomben) und TAURUS (Lenkflugkörper) stationiert wurden.

Das MUNSS der US-Air Force

Verantwortlich für Empfang, Lagerung, Wartung, Bewachung, Kontrolle und Einsatzbereitschaft der US-Munition in Büchel ist eine Munitions-Unterstützungs-Staffel (702nd Munition Support Squadron – MUNSS) der US-Air Force. Laut einem Datenblatt („Fact Sheet“) der Air Force hat dieses Schwadron die Aufgabe, die Atomwaffeneinsätze der NATO (im Original: „NATO and its strike mission“) zu unterstützen. Die Einheit ist einem US-Kampfgeschwader auf der Airbase Spangdahlem (östlich von Trier) zugeordnet.

Nukleare Teilhabe

In Büchel wird die so genannte Nukleare Teilhabe praktiziert: Der Nicht-Atomwaffenstaat Deutschland stellt Flugzeuge, Piloten und weitere SoldatInnen zur Verfügung, die dafür üben, amerikanische Atombomben im Ernstfall zu ihren Abwurfzielen zu fliegen. Das bedeutet einen Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag, in dem sich Deutschland und andere Nicht-Atomwaffenstaaten verpflichtet haben, „Kernwaffen oder sonstige Kernsprengkörper oder die Verfügungsgewalt darüber von niemandem unmittelbar oder mittelbar anzunehmen“ (Artikel 2 über die Nichtverbreitung von Kernwaffen). Die Übungsflüge werden mit Bombenattrappen durchgeführt.

Nach Informationen der Rhein-Zeitung (Artikel vom 3.6.2011)

  • sind 42 Tornado-Kampfflugzeuge auf dem Fliegerhorst stationiert,

  • arbeiten 2600 Beschäftigte (SoldatInnen und ZivilistInnen) bei dem Geschwader,

  • fallen auf dem Fliegerhorst jährliche Betriebskosten von 215 Millionen Euro an (nach einer anderen Information sind es 250 Millionen Euro jährlich),

  • hat der Bund in den 10 Jahren bis 2011 rund 77 Millionen Euro in die Infrastrukur des Standorts investiert,

  • ist das Geschwader der einzige Verband der Bundesluftwaffe, der a) für Transport und Abwurf von Atombomben ausgebildet ist und b) mit den Päzisions-Marschflugkörpern Taurus ausgerüstet sowie auf deren Einsatz spezialisiert ist.

Modernisierung von US-Atombomben und deutschen Tornado-Bombern

Die USA planen, ihre Atombomben des Typs B 61 zu modernisieren, damit sie bis 2050 einsatzbereit bleiben. Die neue Bombe B 61-12 soll bis 2019 entwickelt werden, 2020 sollen deren Serienproduktion und Stationierung beginnen. Die neuen Bomben sollen eine geringere Sprengkraft haben als die meisten heute verwendeten, aber wesentlich treffgenauer sein. Das würde ihren militärischen Nutzen und die Einsetzbarkeit erhöhen – und es wäre ein Verstoß gegen die Vorgabe von US-Präsident Obama, keine neuen Nuklearwaffen und auch keine mit neuen militärischen Fähigkeiten zu entwickeln. Die Pläne stellen eine Gefahr für die Abrüstungsverhandlungen zwischen der NATO und Russland dar. Russland wird zurecht die Abrüstungsbereitschaft der NATO in Frage stellen und sie als Vorwand für eigene Modernisierung seines nuklearen Arsenals nutzen. Mit der Modernisierung der B 61 soll der Unterschied zwischen „taktischen“ und „strategischen“ Bomben beseitigt werden. Künftig soll ein und dasselbe Modell mit Jagdbombern und strategischen Bombern zum Einsatz kommen. Die Tornado-Flugzeuge in Büchel müssen dafür umgerüstet werden. Dies soll zwischen 2015 und 2017 geschehen. Dabei ist die Zielgröße (laut einem Artikel in der Rhein-Zeitung vom 23.10.2013): 44 Tornados und 6.800 Flugstunden pro Jahr – 2013 waren es 5.000 Flugstunden. Nach der Umrüstung ihrer Elektronik und Technik könnten die Tornados noch bis 2025 fliegen und Büchel somit weiter Atomwaffenstandort bleiben. Insgesamt wird die Modernisierung vermutlich mehr als zehn Milliarden Dollar kosten.

Unfälle

Im März 2009 überschlug sich ein Tornado auf der Landebahn im Fliegerhorst und blieb auf dem Dach liegen. Im Januar 2014 stürzte ein Tornado nur wenige Kilometer von Büchel entfernt nahe der Autobahn Koblenz-Trier in den Wald; die beiden Piloten konnten sich mit ihren Schleudersitzen retten. Nachdem die Eifel knapp einer Katastrophe entgangen war, wurde die Frage diskutiert, wie „sicher“ die Bomben von Büchel seien. Der US-Kongress soll schon 1991 in einem Bericht festgestellt haben, der Sprengkopf der B 61 sei nicht ausreichend gegen Feuer abgeschirmt und könne der Verbrennungstemperatur von Flugzeugbenzin nicht lange standhalten. Dann besteht die Gefahr des Austritts von Putonium, wovon ein Mensch nur ein Millionstel Gramm aufnehmen muss, um an Krebs zu erkranken. Bei der Modernisierung der B 61 werden laut einem Artikel der Rhein-Zeitung vom 27.1.2014 die Sprengköpfe selbst nicht geändert, so dass auch die neue Version Feuer und Hitze nicht lange standhalten könne. Ein „Größter Anzunehmender Unfall“ durch eine thermonukleare Explosion sei hingegen nahezu (!) ausgeschlossen.

Zustimmung und Protest in der Region

In der Region um Büchel stellt die Bundeswehr als wichtigste Arbeit- und Auftraggeberin einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar. Große Teile der Bevölkerung im Umfeld des Fliegerhorsts sind deshalb bemüht, den Diskussionen um Atomwaffen möglichst aus dem Wege zu gehen – manche geben sogar vor, die Proteste gegen die Atomwaffenpolitik für verwerflicher zu halten als die Drohung mit dem Einsatz der Massenvernichtungswaffen. Andererseits gibt es seit 2001 einen regionalen „Initiativkreis gegen Atomwaffen“, der eng mit der bundesweit organisierten Gewaltfreien Aktion Atomwaffen Abschaffen (GAAA) zusammenarbeitet.

„Büchel“ als Aktionsschwerpunkt seit 1996

Die Atomteststopp-Kampagne (Vorläuferin der GAAA 1988-1996) entschied sich bei einem Treffen im Februar 1996, Büchel zu ihrem Aktionsschwerpunkt zu machen. Zunächst war dafür der damals größte Atomwaffenstandort in Deutschland bei Ramstein vorgesehen gewesen, aber die Wahl fiel auf Büchel, weil hier auch die Nukleare Teilhabe thematisiert werden kann, während Ramstein ein rein amerikanischer Standort ist. Die erste Aktion der Kampagne in Büchel fand Mitte Juni 1996 statt. Rund 70 Menschen blockierten die Hauptzufahrt zum Fliegerhorst, anschließend gab es eine Demonstration zum Atomwaffenlager im Alfer Wald.

Nachdem die Atomteststopp-Kampagne im Oktober 1996 in die GAAA übergegangen war, wurde der Aktionsschwerpunkt Büchel beibehalten. (Näheres dazu auf der Seite „Chronik der Aktionen in Büchel.)

(MO)

Diese Seite wurde zuletzt geändert am 4.6.2014